Innsbruck, Haus der Musik
Sonntag, 3. Dezember 2023, 20h

stadler quartett

Prokofjew und Hartmann

Sergej Prokofjew (1891-1953) Streichquartett Nr. 1 in h-Moll op. 50 (1930)

Karl Amadeus Hartmann (1905-1963) Streichquartett Nr. 1 „Carillon“ (1933)

---- Pause -----

Karl Amadeus Hartmann Streichquartett Nr. 2 (1945/46)

Sergej Prokofjew Streichquartett Nr. 2 in F-Dur op.92 (1941)



Freude trotz Trauer?

Er war ein Wunderkind. Mit vier Jahren erhielt er ersten Klavierunterricht von seiner Mutter. Mit fünf begann er zu komponieren. Seine illustren Lehrer - vor allem Nikolaj Rimsky-Korsakow – vermittelten ihm die russische Tradition und die Wiener Klassik. Rimsky empfahl dem jungen Musiker das Studium der Partituren Joseph Haydns. Hatte er erkannt, dass die spezifische Begabung Sergej Prokofjews zu musikalischer Ironie, rhythmisch geschärfter Melodik und effektsicherer Motorik mit der Stilistik des „Vaters der Symphonie“ wesentliche Berührungspunkte hatte? Die im Geiste Haydns komponierte „Symphonie classique“ wurde noch in Petrograd, vorher und heute Sankt Petersburg, zwischendurch Leningrad uraufgeführt – allein die Wandlungen des Namens der russischen Metropole zeigen das schwierige historische Umfeld, in dem der Komponist zeitlebens seinen Platz gesucht hat. Von 1918 bis 1934 lebte er meist im Westen, ehe er seine Heimat trotz aller Probleme nicht mehr missen wollte und ein kompliziertes Leben zwischen dem Status eines realsozialistischen Staatskünstlers und kulturpolitischen Anfeindungen führte. Schließlich musste er, schwarzer Humor der Geschichte, mit Stalin, der ihn gemaßregelt, doch auch mit Orden behängt hatte, den Todestag teilen.

Die beiden Streichquartette Sergej Prokofjews sind hierzulande nur selten zu erleben. Das kammermusikalische Schaffen des großen Opern- und Ballettkomponisten und Orchesterzauberers ist, sieht man vom grandiosen Klavierwerk einmal ab, eher schmal. Das im Auftrag der „Library of Congress“ in den USA entstandene und am 23. April 1930 in Washington uraufgeführte erste Streichquartett ist von virtuosem Klassizismus geprägt. Formal weicht das Stück von der Tradition ab, da es nur aus drei Sätzen besteht und mit einem elegischen Adagio endet. Andererseits bezog sich Prokofjew explizit auf das große Erbe. Hatte er von Haydn „nur“ die Symphonien studiert, oder schien ihm Beethoven als Vollender des klassischen Streichquartetts noch wesentlicher zu sein? Jedenfalls schrieb er in seiner Autobiographie: „Ehe ich an die Arbeit ging, studierte ich Beethovens Quartette. Auf diese Art kam ich dazu, seine Quartett-Technik zu verstehen und zu bewundern. Dies erklärt auch irgendwie die klassische Haltung des ersten Satzes meines Quartetts.“ Das Studium fand großteils in den schier endlosen Stunden in Zügen statt, mit denen Prokofjew auf seiner sehr erfolgreichen USA-Tournee von einem Auftritt zum anderen reisen musste.

Der Münchner Lehrersohn Karl Amadeus Hartmann gilt als der bedeutendste Komponist der „inneren Emigration“ in Nazideutschland. Nach 1945 war er als Begründer der Konzertreihe „Musica Viva“ einer der wesentlichen Mentoren der „Neuen Musik“. In seiner musikalischen Ästhetik finden sich Spuren der klassisch-romantischen Tradition ebenso wie solche der Schönberg-Schule, war doch Anton Webern in Wien 1942 einer seiner späten Lehrer. Es ging Hartmann um Klarheit des Ausdrucks und Übersichtlichkeit der Form, was ihn mitunter in die Nähe Paul Hindemiths brachte, aber zu durchwegs originellen Lösungen führte. Seine Beiträge zu den Gattungen Symphonie – acht an der Zahl - und zum Solokonzert sind durchdrungen von humanen Botschaften. Das traumatische Erlebnis der Nazi-Schreckensherrschaft ist in fast allen seiner Werke spürbar. Hartmann verweigerte sich dem NS-Musikleben und stellte seine Stücke fast nur im Ausland vor.

So war es das legendäre „Végh-Quartett“, welches 1936 in Genf das erste Streichquartett aus der Taufe hob. Schon 1933 geschrieben, hatte es 1935 den ersten Preis des Genfer Kammermusikvereins „Carillon“ gewonnen – der Beiname hat nichts mit Form und Aussage des Stücks zu tun. Die Machtübernahme der Nazis hatte Hartmann in Verzweiflung gestürzt. Aber: „Vor allem möchte ich so schreiben, dass mich jeder versteht“, meinte er, „jede Note soll durchfühlt und jede Zweiunddreißigstel-Pause aufmerksam durchgeatmet sein.“ Die Grundstimmung ist depressiv, denn „ein Künstler darf nicht in den Alltag hineinleben, ohne gesprochen zu haben.“ Über allem schweben in diesem Stück die exzessiv traurigen instrumentalen Kantilenen des verehrten Gustav Mahler, allerdings losgelöst von Metrum und Rhythmus und in nahezu Webern'scher Kürze in sich zusammenstürzend. Dabei bleibt freilich stets ein im Prinzip tonales Zentrum ebenso erhalten wie die melodische Thematik, denn die „reine“ serielle Musik lehnte Hartmann als bloße „Knochenunterlage“ ab. Im langsamen Mittelsatz zitiert das Cello ab Takt acht eine verinnerlicht klagende jüdische Weise – dennoch konnte das Quartett in Deutschland gedruckt werden, da die Zensur dies nicht bemerkt hatte. Das Finale bleibt verstörend in seiner emotionalen Aussage, folgt jedoch in seiner meisterhaften Verknüpfung von Variationen- und Sonatensatzform geradezu tröstlich der Tradition.

Unmittelbar nach dem Krieg schuf Hartmann sein zweites Quartett, welches wiederum von Sándor Végh und seinem Quartett uraufgeführt wurde, anno 1949 in Mailand. Hier gelang dem Komponisten ein harmonischer Ritt über den Bodensee. Denn mehr in der Nachfolge Alban Bergs als in der Anton Weberns wird hier ein tonal-atonal schillernder Klangraum mit Elementen der Zwölftontechnik und der auf Beethoven und Brahms beruhenden Kunst der sich entwickelnden Variation so gestisch und so leidenschaftlich bespielt, dass man die avantgardistische Textur beim bloßen Hören kaum wahrnimmt. Der Kopfsatz beginnt ganz althergebracht langsam, steigert sich aber in ein furioses Prestissimo. Das Meditative des Andantinos schützt nicht vor expressiven Ausbrüchen, denn die angestrebte „stille Schönheit“ war „nach Ausschwitz“ zum Problem geworden. Das kontrastreiche Rondo-Finale beendet das Stück kunstvoll. Denn, so Hartmann: „Das Ganze soll ein Stück absoluten Lebens darstellen – Wahrheit, die Freude bereitet und mit Trauer verbunden ist.“

Sergej Prokofjews zweites und letztes Streichquartett wurde am 7. April 1942 in Moskaus erstmals gespielt. Der Komponist war während des Krieges zeitweilig nach Naltschik, der Hauptstadt der „Kabardinisch-Balkarischen Sowjetrepublik“ im nördlichen Vorland des Kaukasus, evakuiert worden und lernte dort die Musik und solitäre Sprache des uralten Volks der Kabardiner kennen und schätzen. Von dieser eigenartigen Mischung, deren hart gemeißelte Rhythmik und archaische Melodik ihm ebenso entgegenkamen wie deren Verbindungen zu slawischer, turktatarischer und iranischer Folklore, ließ er sich auf Anraten eines Kulturfunktionärs sehr gerne inspirieren.

Auch diesmal beschränkte er sich auf drei Sätze, allerdings umrahmen nun zwei Allegro-Teile ein Adagio und als Vorbild liegt eher Bartók als Beethoven nahe. Der Kopfsatz ist ein konventioneller, klassizistischer Sonatensatz, dessen „barbarische“ Motive an ein Arbeitslied des ursprünglichen Hirtenvolks denken lassen. Im Adagio bezaubert ein von der ersten Violine und vom Cello vorgestelltes Liebeslied, welches nach einem tänzerischen Zwischenspiel lustvoll variiert wird. In diesem „Tanz der drehenden Derwische“ namens „Islambei“ wird der Klang der dreisaitigen, aus Altpersien stammenden Kniegeige „Kjamantscha“ imitiert. Das auf einem stampfenden Tanz der Bergbewohner beruhende Finale ist eigentlich ein typisches Rondo und reißt mit seiner energiegeladenen Vitalität unwiderstehlich mit.

Gottfried Franz Kasparek